Nach 25 Wanderetappen auf der Via Dinarica durch Slowenien und Kroatien haben wir bereits ca. 700 km und 20’000 Höhenmeter geschafft, das ist etwa die Hälfte des ganzen Trails. Mit Bosnien-Herzegowina bewandern wir bereits unser 6. Land, das dritte auf dem Balkan. Was werden wir wohl erleben? Wie empfangen uns die Einheimischen? Wo werden wir übernachten? Bleibt uns das Wetter weiterhin gut gesinnt? Viele offene Gedanken…
Aber zuvor fahren wir mit dem Bus nach Split, um uns dem fragwürdigen und bürokratischen Prozedere ‚Covid-Test‘ zu unterziehen. Für die Einreise nach Bosnien müssen wir einen negativen Test vorweisen, welcher nicht älter als 48 h sein darf.
So geniessen wir nochmals das Meer, die kulinarischen Verführungen, den Luxus eines Appartements und liegen auf der faulen Haut bis diese abzublättern beginnt.



Wir haben Kroatien als enorm gastfreundliches und hilfsbereites Land wahrgenommen. Als touristisches Land in dieser schwierigen Zeit erlebten wir ein verhältnismässig sinnvoller Umgang der Bevölkerung und Behörden mit den Corona-Massnahmen. Wir haben immer wieder extrem gut gegessen, fühlten uns sehr sicher und auch die Verständigung gelang mehrheitlich problemlos. Der Abschied fällt uns nicht ganz leicht…
Mehrmals haben wir hin und her überlegt, ob wir uns diesem Test-Zwang unterwerfen sollen, um nach Bosnien einreisen zu können. In Montenegro (auf unserem Weg das nächste Land) gilt seit Anfang September dieselbe Regelung. Eigentlich geht dies total gegen unsere Haltung, aber von verschiedenen Informationen wissen wir, dass der Bosnische Abschnitt (ca. 330 km) wunderschön sein soll. Traurig ist einfach, dass gesunder Menschenverstand ein aussterbendes Gut ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns mit Covid anstecken, ist hier in Split bei Weitem am Grössten.


Plötzlich erkennen wir unseren Blog-Frequenzen an, dass unser Wanderbericht am 17. September 2020 im St. Galler Tagblatt veröffentlicht wurde. Herzlichen Dank der Redaktion für den schönen Artikel. Ausgerechnet am Covid-Testtag, hoffentlich ist das ein gutes Zeichen…
Am Freitag um 11 Uhr sitzen wir im Bus zurück nach Kamensko, mit den beiden negativen Covid-Tests im Handtäschchen! Ohne dieses Papier ist eine offizielle Einreise nicht möglich.


Bosnien-Herzegowina ist ein südeuropäischer Bundesstaat östlich des Adriatischen Meeres auf der Balkanhalbinsel. Er besteht geografisch aus der Region Bosnien im Norden, die rund 80 % des Staatsgebiets einnimmt, und der kleineren Region Herzegowina im Süden. Die bosnisch-herzegowinische Bevölkerung betrug 2013 gut 3,5 Millionen, Hauptstadt und zugleich größte Stadt des Landes ist Sarajewo. Die Staatsbürger Bosnien und Herzegowinas werden als Bosnier bezeichnet. Damit sind Bosniaken und Kroaten wie auch Serben gemeint. Dagegen werden mit dem Begriff ‚Bosniaken’ ausschließlich die bosnischstämmigen Muslime bezeichnet. Alle zählen zu den „drei konstituierenden Völkern“ des Landes und sind offiziell gleichberechtigt. Die Fertilitätsrate pro Frau lag 2016 bei 1,28 Kinder und war damit eine der niedrigsten der Welt. Die Bevölkerung sinkt seit den 1990er Jahren infolge des Krieges, aufgrund von Auswanderung und wegen der niedrigen Geburtenrate. Für 2050 wird mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren gerechnet das wäre dann eines der höchsten der Welt. Der Staat ging in seiner heutigen Form aus dem Abkommen von Dayton (1995) hervor und ist laut diesem Rechtsnachfolger der Republik Bosnien und Herzegowina, die unmittelbar nach einem Referendum Anfang 1992 gegründet wurde und während des Bosnienkrieges das einzige international anerkannte von insgesamt vier Staatsgebilden auf dem Territorium Bosnien-Herzegowinas war. Der Vertrag von Dayton beendete den Krieg im Land und schuf einen einheitlichen, jedoch stark dezentralisierten (föderalistischen) Staat. (Quelle: Wikipedia)

Kamensko – Prisoje (4 1/2 h / 210 M aufwärts / 250 M abwärts / 20.5 km)
Zurück auf dem Trail, ein gutes Gefühl und wir sind voll motiviert!

Die erste Etappe im neuen Land führt auf dem Pilgerweg weiter, immer noch recht oft der Strasse entlang. Schon bald erreichen wir den künstlichen See ‚Jezero Baško‘, welcher mit seinen Sandstränden zum Baden einladen würde.

Aber ein kühler Wind lässt uns zielstrebig weiter gehen, bis nach Prisoje wo wir im B&B Bošnjak household telefonisch mit Sprachhürden ein Zimmer reserviert haben. Die originelle Oma spricht keine uns gängige Sprache. Zum Übersetzen wählt sie ihre Enkelin als Telefonjoker. Aber ihre Sprache in den Kochtöpfen braucht keine Übersetzung, wir essen absolut fantastisch und Erinnerungen an die GTA in Italien kommen hoch.


Prisoje – Orlov kuk (9 h / 1020 M aufwärts / 390 M abwärts / 32.8 km)
Am Samstag erwarten uns nochmals 20 km auf einer Kiesstrasse mit diversen Höhlen am Weg, wir überwandern diese jedoch grosszügig. Das Höhlenzeitalter haben wir definitiv hinter uns gelassen! Der Wind hat sich gelegt, aber die Temperaturen sind deutlich frischer, zum Gehen sehr angenehm.

Traurig stellen wir bereits in den ersten 24 Stunden in diesem Land fest, dass die Abfallproblematik sehr gross ist und Entsorgung überall stattfindet.

Kurz bevor wir endlich wieder auf Bergwege einbiegen, passieren wir in Omolje eine Bar mit männlich-junger Kundschaft und wir gönnen uns noch einen Zvieri-Schoppen. Sie sind sehr neugierig und stellen viele Fragen, leider ist die Verständigung nur mit zwei der Jungs mit Englischkenntnissen möglich. Wir finden nicht heraus, was im Kopf des Wirtes mit undefinierbarer Mimik vor sich geht, aber er gibt uns zwei Fläschchen Sprite mit auf den Weg. Ist es Mitleid oder Bewunderung? Schade können wir die Sprache nicht!
Die Bosnischen Dinaren sind deutlich höher als die Kroatischen, einen ersten Aufstieg auf 1400 MüM nehmen wir noch in Angriff und finden einen chilligen Schlafplatz auf dem Gipfel Orlov kuk.

Die Tomatensauce von Ivan und seinen Marias aus Grab ist noch das Tüpfchen auf dem i. Wir sind glücklich, wieder in den Bergen zu sein. Aber es wird uns auch bewusst, dass unsere Wanderzeit langsam dem Ende zugeht. Umso mehr geniessen wir nochmals das Unterwegs sein in der Natur.

Orlov kuk – Blidinje-See (10 1/2 h / 1220 M aufwärts / 1370 M abwärts / 30.8 km)
Es wird ein sonniger Sonntag und wir wollen mindestens bis zum Blidinje-See wandern. Den ersten Gipfel ‚Svinjar‘ erreichen wir über eine langgezogene Hochebene, das GPS ist einmal mehr hilfreich bei der Navigation. Zwar erleben wir eine deutliche Verbesserung der Wegfindung im Vergleich zu Kroatien, aber der Spruch auf dem Köderkopf (siehe Blog vom 28.7. – 1.8.2020) kommt uns immer wieder in den Sinn: Wege entstehen dadurch, indem sie begangen werden. Abgelatschte Pfade gibts hier nicht!


In Omrčenica sind wir wieder einmal auf Brunnensuche und nähern uns einer wunderschön ausgebauten Alphütte. Eine Dame winkt uns freundlich heran, als wir nach ‚Voda‘ fragen. Sie spricht sogar Deutsch mit Schweizer Akzent, bald löst sich das Rätsel, denn sie hat 32 Jahre in der Schweiz gelebt und gearbeitet. Wer freut sich mehr über das zufällige Treffen? Wir werden von Vesna mit Kaffee und Dessert verwöhnt und sogar zum Übernachten eingeladen. Aber irgendwie schaffen wir es immer, zu früh an perfekten Plätzen zu sein. Den Wetterbericht ab Dienstag im Nacken, entscheiden wir uns wehmütig fürs Weitergehen.

Die Bergkette über den Mali Vran zieht sich über mehrere Gipfel und bietet richtiges Bergfeeling über Karstgebiet.


Erstmals seit dem Triglav-Gebiet in Slowenien befinden wir uns über 2000 MüM. Der Abstieg zum Blidinje-See ist steil und anstrengend für Kopf und Füsse, endlich hat der Kopf auch wieder einmal Arbeit!





Wir erreichen das Motel Hajdučke Vrleti beim Blidinje-See in Zeitlupe zum Sonnenuntergang und klagen stumm der Duschbrause unsere Wehwehchen. Der Besuch in der Gaststube holt uns nochmals zurück auf das Parkett der Lebenden und Geniessenden, ein Besuch hier lohnt sich auf alle Fälle!
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