Liqeni i Livadicës – Prevallë / Tagesmotto: Gut geplant ist halb verloren
Nur wenige Kilometer fehlen uns bis nach Prevallë, einem kleinen touristischen Bergdörfchen. Dann sind wir wirklich ‚richtig’ in Kosovo. Da müssten wir doch total ungeduldig und vorfreudig sein, auf all die käuflichen Genüsse! Aber es ist eher das Gegenteil der Fall, nach so unvergesslich tollen Tagen abseits von Konsum, Lärm, Internet und Menschenansammlungen fällt uns die Rückkehr schwer. Es gibt absolut nichts, was wir vermisst hätten, im Gegenteil, die unzähligen Eindrücke und Emotionen brauchen noch Zeit, bis sie verarbeitet sind. Wir fühlen uns auch nicht ausgehungert, obwohl unsere Nahrungsvorräte ziemlich gut aufgegangen sind. Wir lernen immer noch dazu und können unseren Kalorienbedarf schon recht gut einschätzen.
Kosovo
Der Kosovo ist eine Republik auf dem westlichen Teil der Balkanhalbinsel und hat etwa 1,9 Mio Einwohner auf einer Fläche von 10’900 km2. Somit ist die Bevölkerungsdichte ähnlich wie in der Schweiz. Hauptstadt und grösste Stadt ist Pristina. Kosovo war ehemals Bestandteil der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien und ab 2003, nach dem Balkankrieg, eine Teilregion der Republik Serbien. Der gegenwärtige völkerrechtliche Status des Landes ist umstritten. Am 17. Februar 2008 proklamierte das Parlament die Unabhängigkeit des Territoriums. 115 der 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen erkennen die Republik Kosovo als einen unabhängigen Staat an. Die serbische Regierung betrachtet den Kosovo formal als seine Autonome Provinz Kosovo und Metochien, räumt jedoch ein, dass eine „serbische Souveränität über den Kosovo praktisch nicht vorhanden ist“ und die „wahren Grenzen“ Serbiens in der Zukunft noch zu bestimmen seien.
Gemäss Schätzungen der Weltbank wird der Kosovo von 88% Albanern bewohnt, Serben machen mit 7 % nur noch einen kleinen Teil aus. Der Islam hat die meisten Anhänger im Land, rund 95%. Daneben gibt es serbisch-orthodoxe und römisch-katholische Minderheiten. Der Anteil an Atheisten ist niedrig. Das Verhältnis zwischen muslimischen und römisch-katholischen Gemeinden des Kosovo gilt als gut, doch beide Gruppen haben wenige bis keine Beziehungen zur Serbisch-Orthodoxen Kirche. Kosovo-Albaner definieren ihre ethnische Zugehörigkeit durch Sprache, nicht durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion. (Quelle: Wikipedia)
Um nach Prevallë zu gelangen, wandern wir der uns bekannten Bergkette entlang zurück, einfach auf der anderen Seite und je länger je tiefer unten.
Um 8 Uhr sind wir im Skiresort Brezovicë, ein Wunder dass nicht die Aasgeier kreisen, so ausgestorben wie das wirkt. Aber vielleicht ist im Winter mehr los? Obwohl, wenn wir die Anlagen genauer anschauen und an den Sessellift auf dem Piriberg zurück denken…
Über die neu geteerte Hauptstrasse (also doch was los im Winter?) gehts weiter das Tal herunter, bis zu einem Abzweiger, welcher uns wieder aufwärts über ein Pässchen nach Prevallë führen soll. Der Einstieg funktioniert auch, doch dann erkennen wir rasch, dass unser heutige Wandertag doch noch in den Dehnmodus fallen könnte.
Natürlich gibt es Varianten, wie immer im Leben. Aber heute sind beide hässlich. Entweder wir kehren zur Hauptstrasse zurück und folgen ihr über einen langen Umweg ins Tal hinunter und alles wieder aufwärts. Bei rund 40 Grad voll an der Sonne. Alles auf Asphalt. Oder wir beissen durch, kämpfen uns nochmals durchs Dickicht den Hang hoch und können so die direkte Linie beibehalten.
Für was haben wir uns wohl entschieden? Genau! Ab durch die Mitte. Sonja montiert die Regenhose, denn ihr rechter Unterschenkel wurde gestern bereits Lieblingsort für uns unbekannte, kleine Flugobjekte und lassen den Knöchel immer mehr anschwellen, verbunden mit lokalen Schmerzen.
Während etwa zwei Stunden spielen wir Dschungelcamp – wer holt uns hier raus! Die Navigation ist schwierig, im steilen Gelände und den hohen Bäumen kann uns das GPS nicht immer orten. Doch irgendwann gelangen wir auf einen Wanderweg, halleluja! Wir folgen ihm weiter aufwärts, halten einen Schwatz auf Schweizerdeutsch und lästern über das App, welches die Höhenkurven falsch hinterlegt hat. Doch nicht das App ist falsch… sondern unsere Wanderrichtung.
Aber wir kommen dann tatsächlich um die Mittagszeit in Prevallë an, verbarrikadieren uns in einem Hotelzimmer und widmen uns den angestauten Büroarbeiten. Sonja kühlt ihren geschwollenen Unterschenkel, Thomas kämpft sich durch seine Barthaare und wir sind definitiv im Kosovo angekommen. Unsere Albanischkenntnisse sind wieder gefragt.
Erst als die Sonne abgetaucht ist, kriechen wir nochmals hervor um unsere Bäuche zu füllen. Doch bereits um zehn Uhr, als der Muezzin zum letzten Gebet ruft, hören wir nur noch aus der Ferne die Geräusche des Dorfes summen.
Ruhetag in Prevallë / Tagesmotto: Faulheit ist die Quelle grossen Geistes
Ein geistreicher Einfall verhilft uns zu etwas Faulheit: spontan entscheiden wir uns am Morgen zu einem Ruhetag. Nein, nicht das Naheliegende ist der Grund. Weder Regen noch extreme Müdigkeit lassen uns verschnaufen. Sondern 1. fühlen wir uns im Krojet in Prevallë sehr wohl 2. haben wir mit den Schwestern Vlora und Edi spannende Menschen kennen gelernt 3. ist der Fuss von Sonja zwar nicht mehr ganz so ödematös aber auch noch nicht wieder ein Gazellenbein und 4. und zu guter Letzt gibts Frühstück erst ab halb neun, das heisst, der Aufstieg auf den Oshlak-Trail wäre unter purer Sonnenenergie.
Zu einem Spaziergang zu den Wasserquellen reicht es dann doch. Bestimmt hilft das kühle Quellwasser um die Schwellung an Sonjas Fuss etwas einzudämmen.
Vermutlich sind die Bisse einer Kriebelmücke der Urheber des verunstalteten Unterschenkels, einmal mehr sehen wir uns darin bestätigt, dass nicht von grossen Tieren wie Bären und Wölfen die Hauptgefahr ausgeht, sondern die kleinen, unscheinbaren die Bösewichte sind.
Dann werden wir zu Sachensuchern:
Prevallë – Prizren / Tagesmotto: Nationaleiertag
Das Frühstück lassen wir uns mit auf den Weg geben, sonst kommen wir wieder nicht fort heute! Kurz müssen wir der Hauptstrasse folgen bis der Oshlak-Trail erfrischend durch den duftenden Pinienwald auf die Krete führt.
Die Temperaturen steigen parallel mit unseren Höhenmetern an, anscheinend ist es auch für diese Region aussergewöhnlich heiss und trocken dieses Jahr. So ziemlich das Gegenteil vom Schweizer Sommer.
Pünktlich zum Znüni eröffnen wir dann auf dem Oshlak das 1.-August-Buffet. Einfach schade, dass so viel Verpackung dabei ist. Da ist noch viel Aufklärung nötig.
Von nun an gehts mehrheitlich herunter, rund 1800 HM bis Prizren.
Kurz vor zwölf erreichen wir eine Berghütte, bereits von Weitem hören wir Stimmen und Musik. Tatsächlich sind alle Picknick-Tische voll besetzt, alle Grills laufen auf Hochtouren, es wird gerüstet und geschnetzelt, Bier im Brunnen gekühlt: ein richtiges Balkan Grillnick! Aber ein Restaurant gibt es nicht, so bleibt für uns Wasser und Brot. Oder doch nicht?
Wir fallen schon etwas aus dem Rahmen und es dauert nicht lange, bis wir von einem jungen Burschen auf Schweizerdeutsch angesprochen werden. Zur Zeit sind wohl fast alle Exil-Kosovaren in ihrer früheren Heimat im Urlaub, wir haben lange nicht mehr so viel Deutsch gesprochen wie die letzten drei Tage.
Bald schon sitzen wir am Tisch und werden grosszügig mit lokalen Spezialitäten wie Burek, Pljeskavica, Gitzi und Salat verwöhnt. Unser Schweizer Fähnchen am Rucksack hat uns ausgerechnet am Nationalfeiertag zu einem sehr authentischen Mittagessen verholfen.
Mit vollen Bäuchen nehmen wir Abschied und steigen weiter ab in Richtung Prizren. Es ist unglaublich heiss und die Luft ist etwa so trocken, wie ein über Jahre nicht mehr benutzter Jassschwamm.
Immerhin bleibt uns der Weg über Asphalt erspart, eine Fussspur führt über die Wiesenhänge direkt in die Altstadt von Prizren. Nur um den Einstieg zu finden benötigen wir kurz lokale Unterstützung.
In Gedanken feiern wir heute Abend mit euch allen!
Prizren / Tagesmotto: Respekt!
Prizren ist mit über 85‘000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes – vor allem ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, ein kulturelles Zentrum und mit ihrer teilweise erhaltenen Altstadt und den vielen historischen Bauten Anziehungspunkt für Touristen.
In der Geschichte des Kosovo spielt die Stadt Prizren eine wichtige Rolle. Sie war für die serbisch-orthodoxe Kirche ein religiöses Zentrum und während Jahrhunderten eine der größten Städte der Region. Als Handelszentrum blühte sie unter der serbischen und osmanischen Herrschaft auf und lockte sogar mitteleuropäische Kaufleute an, die Niederlassungen eröffneten. Mit dem Einzug des Islams im 15. Jahrhundert wurde Prizren regionales Zentrum einer weiteren Religion. Im Zeitalter des Nationalismus des 19. Jahrhunderts (Rilindja) war Prizren Treffpunkt albanischer Nationalisten, die versuchten – teils mit schriftstellerischer Tätigkeit, teils mit militärischer Gewalt – die Herrschaft der Osmanen in den albanischen Gebieten zu beenden und einen Nationalstaat zu gründen. (Quelle: Wikipedia)
Natürlich können wir diesen kulturellen Ort nicht einfach innert Stunden wieder verlassen. Wir sind ja nicht auf der Flucht. So schenken wir uns nochmals einen Pausentag, denn aufgrund der Hitze ist für uns klar, dass wir nur kurze Zeit im Kosovo verweilen werden. Mehr dazu später.
Auch heute ist es wieder extrem heiss und trocken, ein verbrannter Gugelhopf, frisch aus dem Ofen, beschreibt die Situation immerhin annähernd. Ein klimatisiertes Einkaufszentrum ist somit eine richtige Oase! Ein Ort, den wir unter normalen Bedingungen meiden würden, doch heute müssen wir uns fast überwinden, wieder in die brütigen Temperaturen zu treten. Zum Glück alles maskenfrei, denn unser ‚Teil’ ist inzwischen zu unterst im Rucksack, ziemlich arbeitslos, am vor sich hin Vegetieren.
Oder sind wir heimlich auf einen Abstecher in die Schweiz gereist?
Für Sight-Seeing ist es eigentlich zu heiss, dennoch schleppen wir uns zur Festung hoch.
Die erfolgreiche Shoppingtour generiert neue Bedürfnisse: Hunger und Durst. Im ersten Lokal setzen wir uns aus Platzmangel zu einem einheimischen Herrn. Er besteht darauf, unsere Getränke zu übernehmen. Im nächsten Cafe sitzen am Nebentisch drei in Deutschland lebende Kosovaren. Noch bevor wir es realisieren, sind unsere Getränke bezahlt. Der Kellner sagt, das geschehe aus Respekt. Ein kleines Mittagessen ist jetzt angesagt. Wiederum aus Platzgründen, setzen wir uns an einen bereits besetzten Tisch. Ausgerechnet zu zwei jungen Damen, welche in der Schweiz aufgewachsen sind, die Wurzeln jedoch hier haben. Wir haben keine Chance, unsere Konsumation zu begleichen. Nun liegt der Ball bei uns, noch mehr Respekt gegenüber anderen Kulturen zu leben.
Natürlich erleben wir momentan nicht das authentische Prizren, sondern Ausnahmezustand während der Sommermonate. Rund 500‘000 Exil-Kosovaren kehren während dieser Zeit für 2 – 4 Wochen nach Hause zurück, doch ‚richtige‘ Touristen, so wie wir, sind eher dünn gesät. Lustig ist auch, dass wir immer wieder mit ‚Grüezi‘ oder ‚wie gohts‘ angesprochen werden, wer von uns beiden sieht wohl aus wie ein Urschweizer? Beide meinen, es sei der andere… die Frage bleibt ungeklärt. Aber jeder weiss es ja für sich selber, dass der andere der Schweizer-Bünzli ist!
Obwohl wir das pulsierende Leben dieser charmanten Kleinstadt enorm geniessen, zieht es uns bereits wieder in die frische Luft der Berge. Die nächsten rund 70 km führen durchs Flachland, für uns unvorstellbar bei dieser Hitzewelle. So bauen wir für einmal nicht Zusatzschlaufen ein, sonder kürzen hemmungslos ab. Morgen möchten wir mit dem Bus nach Gjakovë fahren und uns per Taxi nach Koshare auf 1000 MüM bringen lassen. Von dort fehlen uns rund 20 km bis zum Zustieg der ‚Peaks of the Balkans‘, unser nächster Wanderabschnitt, welchen wir bereits vor 3 1/2 Jahren für irgendwann angedacht haben. Aber das Leben ist zu kurz für irgendwann, das Leben spielt JETZT!
1 Kommentar
Reini · August 2, 2021 um 21:50
Hoi mitenand
Was hatte ich für eine Freude beim Lesen! Immer wieder Deutsch, Schwizertütsch, immer wieder werdet Ihr eingeladen!
Und auf der Burg bei Prizren wart Ihr auch. Muss ja fürchtig heiss sein. Um die 40 Grad… extrem.
Eine kühle Brise im Gebiet Jezerska wünscht Euch
Reini