Entspricht im Rother-Führer keiner Etappe

Alle Tiefenmeter von gestern müssen heute natürlich wieder in Gegenrichtung kompensiert werden. Immerhin ist die ganz grosse Hitze von letzter Woche verpufft, was jedoch nicht heisst, dass wir frieren.

Aber der Abstecher nach Pigna hat sich definitiv gelohnt, ein besuchenswertes Dörflein welches in den mesi d‘estate viel Italianità versprüht.

Heute geniessen wir nochmals ganz bewusst, denn es wird unsere letzte richtige Wanderetappe sein. Allerdings fehlt uns noch der Einstieg vom Nufenenpass nach Zwischbergen, ein kleiner Trost. Als wir nämlich im Juni 2019 mit diesem Mehrjahresprojekt gestartet sind, lag für diesen Abschnitt noch zu viel Schnee. 

Der Aufstieg zur Sella di Gouta entpuppt sich wie erhofft ähnlich wie der gestrige Abstieg: mehrheitlich sanft und immer wieder im Wald. Das Schlaraffenland ist zum Greifen nah, aber dafür sind wir noch zu früh im Jahr. 

Olivenhaine am Weg
Die Feigen sind noch grün und somit keine Zwischenverpflegung

Der singende Gartenbaumläufer löst schon etwas Neid aus, bei uns läuft vor allem der Schweiss und trällern mögen wir auch nicht.

Eine Schlange unterbricht für uns ihr Sonnenbad, faule Tasche. Aber die muss ja auch nicht den Pass hoch.

Der blühend-gelbe Ginster erinnert uns an die Cevennen

Halluzinieren wir schon? Weiss-blaue Liegestühle tauchen in Gedanken auf, die Sehnsucht nach Strand wächst. Doch auch Endo Anaconda flüstert uns sein Lied vom ‚Süde‘ zu, wo er ‚stundelang dem Schiissstrand entlang‘ geht. Vielleicht sind wir wirklich nicht ganz dicht und tropfen deshalb aus allen Löchern.

Ein kurzer Abschnitt auf der geteerten Passstrasse holt uns dann in unsere Wanderrealität zurück. Und plötzlich am Wegknotenpunkt Gola di Rebisso existiert unser geplanter Weg nicht. Nach kurzem Suchen finden wir dann den Einstieg doch noch, gut versteckt hinter dem Hüttli biegt er in den Hang ein. Schon bald erkennen wir, dass nicht nur wir den Weg nicht finden, denn er ist offensichtlich kaum mehr begangen. Richtig Balkanstyle, toll! Doch auch ziemlich zeitraubend, denn wir müssen uns von Markierung zu Markierung hangeln. Die GPS-Spur stimmt nämlich überhaupt nicht. Es fühlt sich ein bisschen an wie in einem Escape-Room.

Finden wir den Weg aus dem Escape-Room?
Zum Glück sind die Markierungen durchwegs prägnant
Spannendes am Wegrand gibt es immer zu entdecken: hier das Ende der Verpuppungsphase

Und tatsächlich, der Weg spuckt uns weit unten bei der Bachüberquerung wieder aus, ein richtiger Traumplatz. Das erfrischende Bad ist anscheinend die Belohnung für erfolgreiches Entkommen aus dem realen Escape-Room. Und mit echten Spuren: unsere zerkratzten Arme und Beine sind nicht mehr ganz Ventimiglia-Kleidli würdig. 

Dem Escape-Room entkommen: die Belohnung ist Gold wert
Traumhaft… die Karibik ist nicht schöner
Fast wie an der Verzasca

Frisch gebadet heissts nun nochmals auf die Hinterbeine zu steigen. Ein letzter Hügelzug will über verlassene Terrassenhänge bestiegen werden. Immer wieder staunen wir, wie einfach Menschen vor rund 100 Jahren gelebt haben. Und wir verschwenden jeden Tag so viele Ressourcen. 

Oben angekommen stehen wir plötzlich auf einem Fahrsträsschen. Jetzt folgt noch der Pflichtteil des heutigen Tages. Auf einer unbequemen Holperstrasse gehts in Richtung Rifugio Alta Via. Weitere Kratzspuren von Dornenstauden krallen sich an unseren Beinen fest aber auch tolle Ausblicke auf das schon sehr nahe Meer belohnen uns.

Der letzte Anstieg endet abrupt auf dieser Holperstrasse
Und plötzlich ist das Meer nochmals näher
Es fehlen noch 5 km auf dieser unbequemen Holperstrasse
Gestern sind wir noch um diesen Gipfel gewandert

Die heutige Tour ist definitiv ein GTA-Experiment und wohl nicht für alle das Richtige. Aber uns hat es super gefallen, richtig wilde Abschnitte und dank dem Freilandpool in der fast-Verzasca noch lohnenswerter. So nah der Zivilisation und dennoch hat die Natur das Sagen. Einfach nur WOW!

Als wir dann alle dankbar im Rifugio Alta Via ankommen, ist die etwas in die Jahre gekommene Signora überrascht. Anscheinend hat sie heute niemanden erwartet. Aber das ist absolut kein Problem, unsere Betten werden hergerichtet während wir im Schatten Moretti stapeln. Hinter uns wird das schwere Eisentor geschlossen, befinden wir uns tatsächlich wieder in einem Escape-Room?

Das Rifugio Alta Via erinnert uns stark an die einfachen Unterkünfte im Norden
Wir haben Zeit…
… und stapeln Moretti bis die Betten bereit sind

Anscheinend ist es hier schwierig geworden seit der Schliessung des Gola di Gouta. Absolut verständlich, der heutige Tag war definitiv der anspruchsvollste aber auch so was von einmalig. Duschen sollen wir lieber nur kurz und Wäsche waschen ist nicht erlaubt. Der Wassermangel zieht immer weiter nordwärts.

Fazit des Tages: Auch heute heisst unser Spiel ‚Vier gewinnt‘

Pigna – Rifugio Alta Via

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