Passo del Bocco – Passo del Lupo
Es ist fast etwas schade, die frisch gewaschenen Kleider anzuziehen, mit dem Wissen, dass in zwei Stunden nach den ersten 500 Höhenmetern diese bereits wieder verschwitzt sein werden. Thomas nimmt seinen nicht ganz geruchsneutralen Düsenantrieb zur Hilfe mit der Geschmacksnote Trofie al Pesto. Jetzt wisst ihr auch, weshalb Sonja mehrheitlich voraus geht.

Wir starten ins letzte Drittel, es bleiben für 75 km noch 4 Tage Zeit, wahrscheinlich sind wir früher als geplant in Ceparana und wechseln dann in den gemütlichen Modus.
Kaum sind wir ein paar Schritte von der Passstrasse weg, sind wir wieder für Stunden komplett alleine. Manchmal kommt uns der Gedanke, dass Italien evakuiert wurde, nur wir haben es nicht mitbekommen. Die dumpfen Motorengeräusche aus der Ferne verwerfen diese Vermutung jedoch wieder.



Nach der Überschreitung des Monte Zatta folgt der Fleiss- und Schweissteil auf einem Kiessträsschen. Grundsätzlich leichte Kost und wir düsen im Sauseschritt über die Hügel.



Endlich Kühe! Ohne sie fehlt einfach etwas auf den Weiden.


Um die Mittagshitze auszusitzen kochen wir beim Passo Chiapparino unsere heutige Hauptmahlzeit.



Rechtzeitig zum Apéro erreichen wir den Passo di Cento Croci und tatsächlich ist das sympathische Restaurant geöffnet. Unser Tageswandersoll ist bereits erreicht und Durst ist auf dieser Tour ein anständiger Kompagnon, so setzen wir uns in den Biergarten in Morettis‘ Begleitung.

Zum Glück sind die Tage lang, so können wir einen Verdauungsspaziergang anhängen. Eigentlich suchen wir nur noch einen Platz zum Schlafen, es ist dann schon ziemlich dunkel bis unser Biwak steht.




Song des Moments: DÖF / Codo – Ich düse, düse im Sauseschritt

Passo del Lupo – Passo dei Casoni
Es gibt eine kurze Nacht, wir starten früh um letztmals auf dieser Tour nochmals über einen höheren Gipfel zu steigen.

Der Weg ist effizient, aber mit seiner direkten Linie auf ausgewaschenen Holzerstrassen mit vielen losen Steinen nicht besonders attraktiv.


Doch plötzlich stehen wir oben und haben trotz den deutlich mehr Wolken als bis anhin eine tolle Rundumsicht.


Wir haben neue Follower gefunden die letzten Tage, inzwischen gleichen unsere Körper einer Saint-Honoré-Torte, alles voller Stiche, Bisse und was die Viecher sonst noch können. Und ja, es juckt, und nein, wir haben wie immer nichts dabei, denn in unserem Rucksack erhält nur das einen Platz, was wir unbedingt brauchen.

Den Abstieg durch den Wald können wir auch nicht rühmen, doch irgendwann sind wir 900 Höhenmeter tiefer auf einem Strässchen mit anliegenden Geisterdörfern. An jedem zweiten Haus hängt eine ‚vendesi‘ Tafel und versucht einem Käufer schöne Augen zu machen, mehrheitlich erfolglos.




Ganz überraschend steht eine Schafherde vor uns, die beiden Wachhunde beschnuppern uns ganz anständig und bieten einen zuverlässigen Eskortservice durch die Herde an ohne auch nur einmal zu bellen.


Und dann sind wir plötzlich von unzähligen Ginstersträuchern umringt. Die Füsse treffen noch auf Weg, aber alles ab Höhe Knie kämpft sich durch die wuchernden Sträucher, teilweise auch mit netten Dornen. Nach einer gefühlten Ewigkeit werden wir etwas unterhalb des Monte Mazeto herausgespült, wir haben uns quasi durch den Geburtskanal gequält. Es folgt Rückenklopfen mit einem Erlösungsschrei, fast wie im Kreissaal. So sammeln wir schon mal diverse Souvenirs ein.





Bald sind wir wieder auf Kiesstrassen unterwegs, nach der heutigen Erfahrung sind wir gar nicht so traurig darüber: wir sind schnell und es hinterlässt keine Spuren. Aber die Luft steht, kein Lüftlein weht. So müssen wir schon ziemlich auf die Zähne beissen.


Beim Passo dei Casoni ist das Albergo entgegen unserer Erwartungen geöffnet und dient scheinbar den Einheimischen als Treffpunkt. Da gesellen wir uns gerne dazu, die singende Wirtin bietet uns sogar an, dass wir im Zelt schlafen können und sie uns bekocht. Super deal! So verschieben wir das Weiterwandern oder eben ‚Io camminero‘ auf Morgen.




Song des Moments: Umberto Tozzi / Io camminero

Passo dei Casoni – Ceparana
Gewitter sind in der Nacht vorübergezogen, allerdings ohne Niederschlag. Dazu hält uns ein bellender Hund wach. Als er merkt, dass wir die Ohrenstöpsel montieren, hört er dann auch mit Lärmen auf.
Die Luft hat deutlich abgekühlt, der Himmel passt sich unserer leicht wehmütigen Stimmung an, welche sich dann aber im Laufe des Tages deutlich aufhellt.
Wir werden zum Frühstück von einem auch schon in die Jahre gekommenen Herrn abgefangen, damit haben wir nicht gerechnet. Dieses grosse, zusammengestückelte Gebäude bietet vielen Menschen ein zu Hause. Alles scheint hier still zu stehen und ist auch etwas in die Jahre gekommen. Wir sind irgendwie fasziniert von diesem Ort, Kochen hat sicher den höheren Stellenwert als Putzen. Unsere Körper übernehmen das Zeitlupentempo, die Hektik im Tal hat hier keinen Platz. Doch einmal mehr fragen wir uns, ob in 10, 20 Jahren noch irgend jemand bereit sein wird, diese Oase hier oben weiter zu führen? Doch jetzt kommt zuerst das Wochenende und mit ihm viele Gäste und grande fiesta.


So starten wir jeder in seinen Gedanken verloren zu unserer Schlussetappe und auch dieses Mal stehen da bereits nächste mögliche Projekte am Horizont: die Bergkette des Apennin.

Ein junger, sehr verspielter Jagdhund macht freundliche Jagd auf Sonja und hinterlässt Spuren auf der Sonntagshose, das ist nicht so gewollt für die Rückkehr unters Volk.
Der langgezogene Abstieg mehrheitlich auf unbefahrenen Kiessträsschen ist recht günstig aber doch nicht ganz gratis.


Und plötzlich steht als verbleibende Distanz eine einstellig Zahl welche sich alle 12 Minuten um eins verringert. Der Countdown läuft und mit ihm lassen wir die letzten 9 Tage, 265 km sowie 11’666 Höhenmeter nochmals wie einen Film aus Bildern durch den Kopf gehen.

Der konstante Geräuschpegel wird immer höher und durch das Surren eines Ziegenmelkers, Bimmeln einer Kirchenglocke, Hundegezeter sowie Schlangengeraschel durchbrochen.

Wie immer sind die letzten Kilometer diejenigen, die fast kein Ende finden wollen. Irgendwann beginnen wir in 200 Meter-Abständen rückwärts zu zählen. Endlich, kurz vor 13 Uhr stehen wir am Endpunkt dieser Tour und freuen uns über ein Gelato. Und wir staunen einmal mehr wie laut unsere zivilisierte Welt ist, grauenhaft. Falls wir es dann wirklich nicht aushalten, so kehren wir dorthin zurück, wo wir heute hergekommen sind, aber mit dem Bus, der fährt nämlich tatsächlich zum Passo dei Casoni!


Song des Moments: Europe / The Final Countdown

Es bleiben uns noch drei Tage um die Region zu besichtigen, dafür brauchts als erstes und schon fast traditionell ein hübsches Outfit stilo italiano.

Italien wurde definitiv nicht evakuiert, ganz im Gegenteil. Die Cinque Terre geben uns schon einen Vorgeschmack auf unseren nächsten Arbeitseinsatz auf dem Joch.











Epilog
Am letzten Tag unserer Reise während einer Schifffahrt von Levanto nach Porto Venere ist es an der Zeit, bereits mit etwas Distanz und Dante als zeitlosem Mitdenker, das Erlebnis ‚Alta Via‘ in ein paar Worten zusammenzufassen.

Sentiero: der Weg ist mehrheitlich gut markiert und auch unterhalten. Einige Abschnitte waren überwuchert, hätten aber auch umgangen werden können. Doch meistens steckt man schon Mitten im Gestrüpp wenn der ‚Umkehrgedanke‘ aufploppt. Es sind durchaus auch anspruchsvollere Abschnitte dabei, welche bei Nässe und Nebel nicht empfohlen werden. Gelbe Tafeln künden jeweils solche Sequenzen an. Trittsicherheit ist auf jeden Fall hilfreich.

Mangiare e dormire: die Infrastruktur direkt am Weg ist sehr spärlich, ohne Zelt wird es kompliziert und mühsam. Doch wer es mag, sehr einsam unterwegs zu sein, dem wird die Alta Via gefallen. Wir sind oft über Stunden keinem Menschen begegnet. Der Weg führt immer wieder über Passstrassen, welche mit Bussen bedient werden. So könnte man einfach aber doch zeitaufwendig in einen belebteren Ort fahren. Wir möchten jeweils möglichst auf dem Weg bleiben und tragen lieber etwas mehr Proviant mit. Biwak-Plätze sind absolut kein Problem, wir haben selten schon an so vielen tollen Orten geschlafen. Natürlich hatten wir auch perfekte Wetterbedingungen dafür.


Aqua: war zu dieser Jahreszeit keine grosse Herausforderung, nur auf wenigen Abschnitten haben wir mehr als 1 1/2 Liter mitgetragen, wäre dann aber nicht einmal nötig gewesen, da es neben den eingezeichneten Wasserstellen noch zusätzliche gab. Den Filter hatten wir dabei, mussten ihn jedoch nie benutzen.

Animali: wir sind nur wenigen Tieren begegnet, Bären gibt es hier keine. Begegnungen mit Rehen hatten wir mehrere und dann haben uns vor allem die kleinen Tiere wie Zecken, Mücken und andere Insekten beschäftigt. Unbedingt eine Pinzette mitnehmen, um die Zecken fortlaufend abzulesen. Im Sommer ist es den Zecken zu heiss, dann ziehen sie sich zurück. Aber auch zum Wandern ist es dann nicht angenehm. Hier in Ligurien übertragen die Zecken vorwiegend Borreliose, FSME ist (noch) kein Thema. Aber dagegen wären wir auch geimpft.

Biodiversità: bei uns in der Schweiz ist das Land zu intensiv bewirtschaftet, auf dem ligurischen Höhenweg ist dies komplett anders. Bei uns geht Biodiversität durch den intensiven maschinellen und chemischen Einsatz von Substanzen verloren, in dieser Region geht viel Kulturland durch die Abwanderung und der damit verbundenen Überwucherung von Weideflächen verloren. Noch ist eine Vielzahl an Hecken und freien Flächen vorhanden, welche seltenen Pflanzen und Vögeln einen Lebensraum bieten. Im Frühsommer ist hier alles im vollen Saft, im satten Grün und die Blumen leuchten in allen Farben.



Den Gesang von uns in der Schweiz seltenen Vogelarten wie Wiedehopf, Ziegenmelker, Feld- und Heidelerchen, Gartenrotschwanz und Kuckucke hören wir um jede Ecke. Die Spezie Zweibeiner unterwegs aufzuspüren ist in der Regel viel seltener und eine Glücksache.
Das wars einmal mehr aus Wurzelkochers Gedankentöpfen, Morgen gehts nach Hause und unser nächstes Fussexperiment startet erst am 26. Oktober 2026. Wir möchten den Trilho dos Pescadores an der Küste von Portugal wandern. Wir freuen uns natürlich, wenn ihr dann auch wieder mit uns seid. Bis dahin gilt wie immer: packt in euren Rucksack was euch Freude bereitet, zieht los, seid mit euch und vor allem seid mit der Natur!
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2 Kommentare
Reini · Juni 1, 2026 um 15:38
Ihr zwei habt ja wieder tolle, aber sehr Anstrengende Erlebnisse gemacht. Danke, dass wir Eure Tour etwas mitverfolgen konnten. Den Ziegenmelker habe ich im Wallis mal abends gehört und ganz kurz gesehen. Habe gerade sein “Motörchen” nochmals im Vogel-App von BirdLife gehört. Hattet Ihr ein Vogelstimmen Bestimmungs-App?
Gutes Wiedereinleben auf dem Joch…. der Abschied von dort oben nähert sich… GGlG Reini
Andreas · Juni 1, 2026 um 06:35
Liebe Sonja, lieber Thomas, vielen Dank für die – wie immer – wunderbare und humorvolle Beschreibung eurer Frühjahrs-Tour. Herzliche Grüße aus Köln, Andreas