Wir sind in den Startlöchern zu einem neuen progetto italiano: einen Teil des Ligurischen Höhenweges steht auf dem Programm. Wie entsteht überhaupt eine neue Wanderidee? Letztes Jahr haben wir unser Mehrjahresprojekt ‚Grande Traversata delle Alpi’ vom Wallis ans Mittelmeer abgeschlossen. Bei der etwas wehmütigen Heimreise mit Blicken zurück aber auch vorwärts sind wir dann auf den ligurischen Höhenweg gestossen. Und nun liegt dieser vor uns!

Wir starten zu Hause bei leichtem Regen, doch die Wetteraussichten sind vielversprechend: die kalte Sophie liegt hinter uns und der warme Cappuccino bringt Ferienstimmung in den Speisewagen der SBB. Das ganze Abteil sozialisiert sich unterstützend mit einem deutschen Reisenden beim scheiternden online Billettkauf. Wir fahren definitiv nicht schwarz sondern vielmehr bunt und munter.

Am späten Nachmittag erreichen wir unseren Ausgangspunkt: Altare liegt etwa 15 km vom Meer entfernt, ein kleines Dorf mit einem Gourmet-Restaurant, dem Quintilio. Nicht ganz günstig aber das gönnen wir uns bevor wir in eine kulinarisch unsichere Zukunft wandern.


Altare – Passo Giovo Ligure
Und dann gehts am nächsten Morgen in Richtung Osten los. Beschwingten Schrittes wandern wir auf der Alta Via, also der ‚Hohen Strasse’,diese hat nichts mit ‚hey Alta‘ zu tun.

Die Schotterstrassen und Wanderwege wechseln sich ab, mehrheitlich sehr schön mit angenehmen also altersgerechten Steigungen.
Im früher blühenden Industrieörtchen Ferrania gibts dann Frühstück, auch einkaufen wollen wir hier noch etwas. Der einzige Lebensmittelladen liegt allerdings ein Kilometer entfernt von unserem Weg, den Käse müssen wir uns definitiv verdienen. Ein Einheimischer hängt sich an unsere Fersen und fragt uns aus. Ein klares Zeichen, dass hier nicht regelmässig Weitwanderer durchkommen, denn er hat keine Ahnung, von welchem Weg wir erzählen.




Unser erstes Zwischenziel ist das Rifugio Cascina Miera bei Kilometer 15. Ein toller Platz, einladend zum Verweilen, doch leider heute nicht geöffnet. Das Handy kriegt dennoch eine Ladung Strom und wir ein Powernap und ausgelüftete Füsse.

Bald schon zeigt sich in der Ferne das Meer, die Sicht ist recht klar. Mehrheitlich sind wir jedoch unter einem Blätterdach, einige Bäume zeigen sogar ihre Visage. Anderen Gesichtern begegnen wir jedoch kaum.



Die mächtigen Windräder rauschen im Takt um die Wette, eine absolut sinnvolle Art, Strom zu erzeugen. Schade gibt’s in der Schweiz so viel Widerstand gegen Windkraftwerke, andere Bauten sind ja auch nicht immer schön.

Wir wollen heute bis zum Giovo Ligure, liebäugeln mit einer Pizza aus dem Albergo. So lassen wir auch kurz vor dem Passübergang den perfekten Übernachtungsplatz hinter uns und trauern ihm später noch nach. Denn das angestrebte Albergo hat nur Samstag/Sonntag geöffnet und den auf dem App ausgesuchten Schlafplatz entpuppt sich als überwucherten und nicht mehr genutzten Picknickplatz mit konstantem Hundegebell und Verkehrslärm als Hintergrundgeräusch. Nichts wie weg.
Es ist nun doch schon 18 Uhr und das Gehen hat uns auch schon mehr Freude bereitet. Immerhin können wir unsere Wasservorräte noch füllen, in der Hoffnung, bald einen schönen Biwakplatz zu finden. Doch das zieht sich. So gibts am Wegrand schon mal unser Menu 1; Pasta in einer Beutelsuppe gekocht, verfeinert mit einem 2-Kilometer-Käse.

Trotz Energielevelerhöhung ist die Luft draussen, aber wir finden dann tatsächlich ganz bald einen ebenen Boden im Wald für unser Zelt. Jetzt noch die aufgesammelten Zecken ablesen und dann beim Sonnenuntergang in waagrechter Position den 1. Tag auf der AV nochmals Revue passieren lassen.

Fazit des Tages: Bei geschlossenen Beizen gehts nicht besser, aber wir kommen deutlich weiter.

Passo Giovo Ligure – Bric Prato d‘Erma
Ein Kuckuck mit eingebautem Echo, begleitet von Rehgebell holt uns um 6.30 Uhr aus unseren waldigen Träumen. Bald ist zusammengepackt, schön wenn alles Material am Morgen trocken ist. Wir fräsen einen Riegel rein, spülen ihn mit Wasser runter, auch das ist unser Standardmenu zum Frühstück beim Weitwandern.
Wir sind nun im Naturpark Monte Beigua unterwegs und haben die Hoffnung, dass wir in 9 km beim Rifugio Pratorotondo wieder einmal Geld ausgeben können.
Die unausgesprochene Biwak-Regel erleben wir heute wieder einmal am eigenen Leib, kaum losmarschiert, liegen unzählige schöne Schlafplätze am Weg.
Wir steigen stetig höher, durch den stillen Wald, ohne Ciao und Salve, nur die Musik in unseren Gedanken bildet ein Netz eines beruhigenden Geräuschpegels.

Kaum spülts uns aus dem Wald, befinden wir uns in einer komplett anderen Vegation. Auch ein kleines Schlänglein saugt die ersten Sonnenstrahlen in sich auf.


Offene Passagen wechseln sich mit tollen Waldabschnitten ab. Das erinnert uns stark an den kroatischen Velebit, nur dass der Küstenbereich hier viel stärker verbaut ist.

Und bald stehen wir auf unserem ‚1. Gipfel‘, dem Monte Beigua. Ist zwar eher ein Sammelsurium von Antennen, Monumenten und anderen Türmen. Doch ein Gipfelselfie gehört sich trotzdem.

Um 10 Uhr erreichen wir das Rifugio Pratorotondo und es ist sogar geöffnet. Wir bestellen uns Pizza, wohl die früheste je gegessene Schnitte. Aber sicher ist sicher, gut möglich, dass es wieder lange dauert bis zur nächsten Möglichkeit.

Inzwischen wärmt nicht nur die warme Mahlzeit, auch die Sonne brennt vom Himmel. Trotzdem raffen wir uns auf, lösen uns von diesem gemütlichen Platz und ziehen weiter, der Weitwanderalltag hat uns wieder!

Tatsächlich begegnen wir heute auch anderen Zweibeinern, sie bewegen sich vorwiegend im Umkreis von 1 – 2 Kilometern eines Rifugios oder Gasthauses, wie durch einen unsichtbaren Zauberkreis definiert. Wir durchbrechen diesen und werden fast schon überraschend nicht verhext.

Unser nächstes Ziel ist Cappelletta di Masone, dort solls eine Trattoria geben, geöffnet bis 17 Uhr, sagt Google. Wir beeilen uns, lassen das geschlossene Rifugio Forte Geremia an uns vorbeiziehen und schaffen es auf Viertel vor fünf vor die Trattoria Lo Sciatolo, doch anscheinend haben sie nicht mehr mit uns gerechnet und schon früher Feierabend gemacht. Schade.

So müssen wir unsere Feldküche wieder in Betrieb nehmen, was es heute wohl gibt? Natürlich Menu 1, aber mit anderem Suppengeschmack, immerhin.
Wir haben also bereits gelernt seit gestern, Kochen auf Bänkli ist deutlich gemütlicher als am Boden. Aber das Zelt neben die Kirche zu stellen, trauen wir dann doch nicht. Wir sind ja nicht im Balkan. So marschieren wir nochmals eine Stunde weiter, lassen den lauten Passo del Turchino hinter uns und finden dann rechtzeitig vor dem Sonnenuntergang einen tollen Adlerhorst für unser Hubba Hubba.


Fazit des Tages: Pizza am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

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