Zambujeiro do Mar – Rogil
Ausgerechnet in der heutigen Unterkunft haben wir den café da manhã inklusive und dieses wird erst ab halb neun serviert. Eine richtige Geduldsprobe und vielleicht schon die grösste Herausforderung des Tages, denn für die beiden nächsten Tage sind auch wieder 3 Etappen geplant. Aber es gibt zur Not ja Uber… Das heisst für heute, je nach dem wieviel wir auf Sand gehen müssen: d‘Bei zämeneh!
So starten wir recht spät zusammen mit dem gemeinen Fussvolk, immerhin hat sich das Frühstück gelohnt. Das Projekt Fischerweg hat schon ein wenig Pilgercharakter. Da auch die Möglichkeit des Gepäcktransportes besteht, zieht dieser Weg ein sehr breites Publikum an, von Familien mit Kindern bis zu jungen Menschen, die sich noch suchen. Zum Glück haben wir uns schon gefunden!

Der Tag beginnt abwechslungsreich, wir wandern durch den angenehm kühlen Seekiefernwald aber auch immer wieder den Klippen entlang. Gut so, denn es wird wieder richtig warm heute.



In dieser Region leben Ichneumon, Mauswiesel, Steinmarder, Dachs, Ginsterkatze und Otter. Das Kaninchen ist ein weiteres Säugetier, das in den stabileren Dünen ein ganzes System von Höhlen gräbt. Es vermehrt sich hier sehr stark und dient den grösseren Tieren als Nahrungsquelle. Da bekommt der Song vom Stillen Has, in welchem er ‚stundelang dem schiiss Strand‘ entlang läuft und die Sehnsucht nach Süden plötzlich schwindet, eine ganz eigene Bedeutung.


Auch heute bedeutet ein Flusszulauf ins Meer, dass wir viele Zusatzkilometer leisten müssen. Und es gibt kein Bootservice. Also laufen wir tapfer 5 Kilometer landeinwärts auf Strässchen bis zur Brücke nach Odeceixe.


Immerhin lohnt sich der Besuch des offiziellen Etappenortes Odeceixe, es hat wirklich einen schönen Dorfplatz mit gemütlichen Restaurants. Da gönnen auch wir uns etwas.

Es braucht dann schon etwas Überwindung, nochmals eine halbe Etappe anzuhängen. Die frühen Wanderer sitzen bereits beim Feierabend-Bier und wir wollen nochmals 14 Kilometer anhängen. Aber unser Zimmer ist gebucht und so hat der innere Sauhund keine Chance.

Apropos Sauhund, anscheinend sind davon einige unterwegs. Immer wieder sehen wir Ansammlungen von Taschentüchern, welche als Toilettenpapier benutzt werden, am Wegrand. Unglaublich dass so viele Analphabeten die Natur nicht respektieren. Es sollte doch allen klar sein, dass wir die Natur brauchen, und nicht umgekehrt.


Nach 5 Kilometern retour an der Praia de Odeceixe wäre es auch gemütlich zum sitzend die Zeit tot zu schlagen, allerdings sehr touristisch und für uns noch mit zu viel Weg vor uns. Nach der Flussmündung Ceixe sind wir nun bereits an der Algarve unterwegs.

Es geht nochmals den Klippen entlang, auch mit anstrengend sandigen Abschnitten. Die Dünen-Macchie ist voller aromatischer Sträucher wie Wacholder, Mittelmeer-Strohblume, Thymus camphoratus (endemisch an dieser Küste), Schopflavendel und Rosmarin.

Doch bald führt der Weg durch das landwirtschaftlich geprägte Hinterland. Wir sind nun sehr einsam unterwegs da kaum jemand die Etappe verlängert. Und diejenigen aus der Gegenrichtung sind schon lange vorbei.
Unsere Füsse fühlen sich wie ausgepresste Zitronen an, als wir unseren Etappenort Rogil erreichen. Es ist hier komplett anders als an den vorhergehenden Übernachtungsplätzen. Nur wenige Touristen, kein Meerestosen, kaum andere Wanderer, aber ein Süsskartoffelmuseum mit Restaurant in einem wunderschönen Garten. Mehr brauchen wir gar nicht.

Der Wirt vom Restaurante da Batate doce ist zugleich Bürgermeister und auch bester Gast. Er erzählt uns bei einem offerierten Medronho von seinen Visionen, Rogil ebenfalls zu einem mondänen Ort werden zu lassen. Irgendwie auch schade, uns gefällt genau dieser authentische Touch, denn es ist das erste Mal, dass wir in ein Gespräch mit Einheimischen kommen und die gemeinsame Sprache ist für einmal nicht Englisch.

Rogil – Praia da Arrifana
Auch heute gibts Frühstück, auch heute erst ab halb neun. Es ist wie immer im Leben, durch Wiederholung gewöhnt sich der Mensch an fast alles.
Das Frühstück gibt‘s in der Bäckerei gegenüber, wir dürfen aus der riesigen Auslage an süssem Gebäck auswählen. Rogil entpuppt sich immer mehr zum (noch) Geheimtipp auf dem Fischerweg.

Mit gefüllten Bäuchen gehts dann nach 9 Uhr mit der Dynamik eines Bildschirmschoners endlich weiter Richtung Aljezur. Der Weg ist sehr monoton und etwa so erholsam für unsere Füsse, wie Sekundenschlaf beim Autofahren.

Wir wundern uns, dass wir kaum andere Wanderer kreuzen, gut möglich, dass die Etappen im Hinterland weniger stark begangen werden. Ohne das Rauschen des Meeres ist es sogar richtig still. Mal piept ein Vogel oder noch seltener rumpelt ein Fahrzeug vorbei.
Bald sind wir in Aljezur, einem hübschen Dörfchen an einen Burghang gebaut. Dieses Etappenziel überspringen wir und trotten mit der Motivation einer Eintagsfliege der Strasse entlang weiter.






Weshalb wundert‘s uns nicht dass keine anderen Fussgänger von Aljezur bis zur Praia da Monte Clérigo unterwegs sind?

Doch dann hat uns der Sand plötzlich wieder fest im Griff und weiter gehts in gepflegter Langsamkeit.



Mit Fisch im Bauch aber immer noch ohne Schuppen gehts weiter den dicht bewachsenen Klippen entlang.

Am äussersten Punkt entdecken wir eine Variante weiter der Küste entlang, das probieren wir aus. Gut gewählt, eine tolle Klippenvariante welche wohl auch dank den Muschelsuchenden gut unterhalten ist.



Entenmuscheln, die Perceves, sind hier eine regionale Spezialität. Die felsige und von den Wellen umtoste Küste bietet den für diese Spezies erforderlichen Lebensraum. Perceves leben genau in dem Bereich der Felsen, den die Ebbe kurzfristig freigibt und der bei Flut der hier sehr starken Brandung unmittelbar ausgesetzt ist. Das Sammeln der Entenmuscheln, der Beruf des Perceveiro, ist deshalb mit hohem Risiko verbunden.
Arrifana ist ein weiterer Retortenort an Portugals Küste, für uns absolut ohne Charme. Aber die Unterkunft überzeugt uns irgendwie dennoch, viele junge Menschen, alles total unkompliziert und so fühlen auch wir uns für einen Abend total jugendlich.




Praia da Arrifana – Vila do Bispo
Und nochmals gibts Frühstück, richtig früh sogar und das Eierhoroskop sagt einen heissen und harten Tag voraus. Wahrscheinlich gar nicht so falsch, denn unser nächstes Bett steht in Vila do Bispo, 2 Etappen und 35 Wanderkilometer entfernt.
Heute sind wieder deutlich mehr Fussgänger am Start, vielleicht ein Zeichen für einen tollen Abschnitt?


Wir gehen viel auf Sandpisten, eine staubige Angelegenheit, vor allem wenn eines der seltenen Autos vorbeifährt. Immer mal wieder: habemus papa!

Tapfer gehen wir Schritt für Schritt, bis wir erstmals wieder in einer schönen Bucht sind fühlt es sich an wie das Trio Fleiss – Zerschleiss und Durchbeiss, hat aber nichts mit dem Trio Eugster zu tun.
Wir erinnern uns plötzlich daran, dass wir genau heute vor 6 Jahren unsere 5-monatige Wanderung nach Albanien im Valbona-Tal gefeiert haben, und immer noch bedeutet uns das Vorwärts-Laufen unendlich viel.

Wie mit einem Metronohm übernehmen unsere Füsse den Takt und auch das Denken läuft ganz autonom und taktvoll, Raum um im Kopf alles neu zu sortieren.

Auch schön durchs Hinterland, vor allem sehr effizient. Aber zurück im Sand nahe der Küste ist es schon spektakulärer fürs Auge.

An der Praia da Bordeira dürfen heute unsere Füsse in den Wellnessbereich, obwohl wir sonst nie Probleme mit Blasen haben, stechen wir wie gute Samurai jeden Abend zu und am Morgen wird dann geklebt.


Dann müssen wir uns bereits entscheiden, ob wir weiter der Küste entlang wollen oder über den Etappenort Carrapateira. Die Küste gewinnt, so lassen wir das Dorf links liegen und lassen uns von den Blicken aufs Meer weitertragen.


Nach dem Mittagshalt fehlen noch 13 Kilometer, unser Bewegungsdrang ist noch etwa so gross wie der eines Windrades bei kompletter Windstille. Der Gedanke an ein Uber schwebt immer Mal wieder über unseren Köpfen, aber wir beissen durch und erreichen Vila do Bispo noch vor dem Eindunkeln.


Vila do Bispo ist ein hübsches Dörfchen in welchem für einmal wir Touristen nicht die Mehrheit bilden sondern eine gute Balance besteht zwischen Einheimischen und Gästen.


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1 Kommentar
Bettina · November 1, 2026 um 11:58
Hallo zusammen!
Wie genial – diese Küstenbilder! Traumhaft auch das Wetter. Aber weitwandern so ganz ohne Berge? Irgendwie unvorstellbar. Und so viele Kilometer flach gehen? Euren Füssen passt das anscheinend nicht so ganz… aber eben, das Meer und die Klippen entschädigen. Danke für die fantastischen Eindrücke.
Herzlich Bettina