Der Start in den Tag stimmt uns fröhlich, nette Gesellschaft aus dem Jura beim desayuno und gemütliches dem Fluss entlang mäandern. Doch bald schon legen sie uns erneut Steine in den Weg und wir müssen immer mal wieder Hand anlegen.

Fröhlicher Start in den Tag
Bald schon sind unsere Hände gefragt
Steine liegen und stehen am Weg

Bald ist das Motto des Tages gefunden: Liegen am Weg sehr viele Steine, gibts bis zum Abend krumme Beine.

Es braucht auch etwas Biss beim Aufstieg: originelles Steinmännchen am Weg

Und immer wenn wir denken, den höchsten Übergangspunkt erreicht zu haben, zeigt sich ein weiterer Aufstieg vor uns. Doch plötzlich ist es geschafft und ein neues Bild wird enthüllt, fast wie bei einer Vernissage, einfach ohne Apéro und Musikbegleitung.

Neues Bild mit Frau im Bild

Kaum steigen wir ein paar Höhenmeter tiefer, wirkt alles so einladend-idyllisch, richtig zum Verweilen gedacht so weit weg von all dem harten Gestein. 

Etwas tiefer wirkt es so einladend idyllisch

Tatsächlich erwischt uns dieser Traumplatz beim Refuge Wallon-Macadau. Bereits um die Mittagszeit im wunderschönen Kessel mit dem neu renovierten Refuge, welches von Weitem wie ein grosser Stall aussieht, müssen wir über die Bücher bzw. über unseren Wanderführer HRP von Marie Millet. Denn wenn wir so weiter laufen, sind wir Morgen Donnerstagabend in Gavarnie, unser Bus fährt jedoch erst am Sonntagabend ab Tarbes. Zu viel Zeit und auch noch viel Ferienbudget im Portemonnaie! Luxusprobleme…

Traumplatz beim Refuge Wallon-Macadau

So entscheiden wir, den heutigen Nachmittag am gemütlich plätschernden Bächlein beim offiziellen Biwakplatz in unsere Träume versunken vorbeirauschen zu lassen. Öffentliche Toiletten und Trinkwasser gibt’s im 200 Meter entfernten Refuge. Super Sache bei den Franzosen.

Nicht nur wir fühlen uns hier wohl und durstig
Ein perfekter Schlafplatz: Siesta am Fluss
Auch Resten vertilgen steht auf dem Programm
Körperhygiene wird auch wieder einmal gepflegt
Wir geben uns wirklich Mühe beim Geniessen
Ein Spaziergang zur Kapelle verkürzt die Zeit
Der Kuhhirte hat‘s definitiv strenger als wir

Ein Nachmittag nur Rumplämperln hinterlässt uns müder und verschlafener als eine strenge Wandertour, wir sind froh können wir Morgen wieder in die Höhenmeter steigen. Dennoch gönnen wir uns Nachtessen und Frühstück im Refuge, quasi Halbpension in den eigenen vier Wänden.

Halbpension in den eigenen vier Wänden, perfekt für Weitwanderer und ganz selbstverständlich in den Pyrenäen
11. Etappe: Refugio Respomuso – Refuge Wallon-Macadau

Es fühlt sich gut an, nach so vielen stationären Stunden am nächsten strahlenden Morgen weiterzuziehen. Ein versteckter Nomade schlummert in uns.

Heute sammeln wir Pässe, es wird ein richtiger (S)passpartout ohne Cumulus-Punkte. Die abgeschliffenen Felsen erinnern uns an die letzte grosse Eiszeit vor rund 14‘000 Jahren, heute weht ein milder Luft und nichts erinnert mehr an Iceage mit Sid & Co.

Die abgeschliffenen Felsen erinnern uns an die letzte grosse Eiszeit vor rund 14‘000 Jahren
Col d‘Arratille: 1. Pass im Sammelspass
Schon alle Wünsche für heute sind erfüllt
Schöner Ausblick mit dem Wissen, dass wir als nächstes über diesen Pass müssen
Dies war der erste (S)pass, doch der zweite folgt sogleich
Col des Mulets: 2. Pass im Sammelspass
Die trockene Schwemmebene können wir problemlos durchlaufen bevor wir auf den 3. Pass hochsteigen
Das Vignemale-Gebirge umkesselt uns
Doch bald geht‘s wieder aufwärts zum 3. Pass
Die Ausblicke werden immer imposanter

Die Wegführung ist auch heute wieder unglaublich wohlwollend, wir könnten, wenn wir wollten, sogar im Aufstieg plaudern. Doch meistens gehen wir in unsere eigene Gedankenwelt versunken jeder in seinem Tempo und nach jeder 2. Spitzkehre zeigt sich das imposante Vignemale-Gebirge mit noch wenig verbliebenen schwitzenden Gletscherfeldern.

Nur noch wenige verbliebene schwitzende Gletscherreste

Auch heute führt vieles über Geröll und Stein, doch diese zeigen Charakter und Halt, sind deutlich weniger labil wie die der letzten Tage. 

Hourquette d‘Ossoue mit 2734 MüM der höchste Punkt unserer bisherigen Tour

Im Refuge Bayssellance buchen wir kurzentschlossen nochmals den gratis place bivouac avec demi-pension. Dies auf 2650 MüM Mitte September bei sommerlichen Temperaturen und unglaublicher Rundsicht bis zum Cirque de Gavarnie wo wir Morgen den ersten offiziellen HRP-Abschnitt beenden werden. 

Refuge Bayssellance auf 2‘650 MüM mit unglaublichem Ausblick
Die Biwakplätze ums Refuge sind klar erkennbar und von Steinen freigeräumt: wir sind schlicht begeistert

Ein alter Bekannter, Marc, ebenfalls in Hendaye gestartet, kennt die Region allerdings wie seinen Rucksackinhalt, begrüsst uns herzlich. Er läuft nicht original HRP sondern seine eigene Freestylevariante. Letzmals haben wir im Refuge Pombie unsere gemeinsamen Erfahrungen ausgetauscht und wir sind uns auch heute wieder einig: das Baskenland kann man durchwandern, muss man aber nicht. Es fühlt sich eher an wie den Rucksack über die grünen Hügel spazieren zu führen. Aber ab Chalets d‘Iraty ist es einfach nur genial.

Wir freuen uns auf das zufällige Wiedersehen mit Marc

Beim Nachtessen sitzen wir an einem Tisch mit bunt zusammen gewürfelten Nationen: Amerika, Kanada, Spanien, Frankreich und eben wir von der Schweizer Vertretung. Wurzelkochers als Multilinguisten können überall noch den ‚moutarde’ dazugeben und geniessen das kurzweilige Nachtessen. Zum Glück gibts noch Orte, wo KI nichts zu sagen hat und etwa so viel nützt wie eine Hexe ohne Besen. Tragen wir Sorge zur MI!

Multilinguistisches Nachtessen mit der Fraktion aus Spanien an der Schöpfkelle

Die meisten Gäste verziehen sich nach dem Znacht sofort in die Schlafräume, das gesellige Zusammensein findet eher beim Apéro statt. 

Reges Treiben zur Apéro-Zeit, doch nach dem Znacht wirds schnell ruhig an den Tischen
12. Etappe: Refuge Wallon-Macadau – Refuge Bayssellance

Tatsächlich ist heute unser letzte Wandertag auf dem HRP des 1. Abschnittes und es geht fast nur noch in eine Richtung, nämlich abwärts. Bald lassen wir die Steine wieder hinter uns und der Kreis schliesst sich im Chalet La Grange de Holle kurz vor Gavarnie bei heissen Temperaturen. Seit Elizondo sind wir nicht mehr durch bewohntes Gebiet gekommen und haben es auch nicht vermisst. Eine sanfte Rückzivilisierung ist zwingend nötig.

Biwakplatz mit Privatsee beim Refuge Bayssellance
Darin spiegelt sich das Vignemale-Gebirge bei Sonnenaufgang wunderschön
Der Graf Henry Russell hat im 19. Jahrhundert mehrere Grotten erstellt und hier extravagante Nachtessen für seine Gäste organisiert
Auch dieser Abstieg führt durch eine imposante Schlucht mit einer wunderschönen Schwemmebene oder auch Schwimmebene
Denn das Wasser ist
glasklar
Das Refuge Bayssellance ist bald nur noch eine der vielen schönen Erinnerungen
Wir sind immer noch hoch über dem Tal aber die Zivilisation rückt unausweichlich näher

Im einladenden Refuge Chalet Grange de Holle leicht oberhalb von Gavarnie haben wir seit Tagen erstmals wieder Empfang. Eine nächste Feinplanung ist angesagt und das Sockengeruchorakel hilft, denn es ist schnell entschieden. Der Camping in Gavarnie hat ausgerechnet ab heute geschlossen, so bleiben wir hier leicht oberhalb des Ferienörtchens und verlängern so das Gefühl vom Sein unter Gleichgesinnten. Denn hier zweigt der GR 10 nach Luz-Saint-Saveur ab und da müssen wir ja Morgen sowieso hin. Also weshalb nicht zu Fuss auf dem GR 10 noch eine Etappe anhängen?

Aber der Nachmittag ist noch lange, Wäsche und Köper sind bald gereinigt, Seele sowieso, deshalb spazieren wir ohne Gepäck zum Cirque de Gavarnie. Obwohl bereits Nebensaison ist, läuft hier so ziemlich alles was noch mobil ist zu dieser imposanten Sehenswürdigkeit.

Cirque de Gavarnie: beliebtes Ausflugsziel
13. Etappe: Refuge Bayssellance – Chalet Grange de Holle

Der in der Nacht aufkommende Föhn bläst uns früh aus den Betten. Bereits um 7.34 Uhr, fast noch im Dunkeln, stehen wir bereit zur allerletzten Extra-Tour, allerdings auf dem GR10. Der sympathische gardien erzählt uns, dass er auf Regen hofft und dieser für heute Nachmittag auch versprochen ist. Der Sommer war viel zu trocken, so dass einige Refuges aufgrund von Wassermangel vorübergehend schliessen mussten. Wir hoffen jedoch, heute nochmals trocken durch den Tag zu kommen und geben Gas.

Wunderschön gelegenes und sympathisches Chalet Grange de Holle leicht oberhalb von Gavarnie
Wir starten so früh wie noch nie, fast noch im Dunkeln, jedoch mit tollen Föhnstimmungen
Die Wolken halten uns auf Trab

So beobachten wir die Wolken nicht nur alle 3 Stunden sondern fast konstant. Es ändert natürlich nichts am Wetter, erinnert uns jedoch schon an unseren baldigen Arbeitsbeginn.

Auch den Cirque de Gavarnie können wir noch lange aus immer grösserer Distanz beobachten
Die Wolken verwandeln den Himmel in ein Schauspiel

Die Wege sind wieder viel ringläufiger als in den letzten Tagen und entsprechend schnell vertilgen wir Kilometer. Ist jedoch auch nötig um unser Ziel zu erreichen. Obwohl wir hauptsächlich dem Tal entlang absteigen müssen, führt der Weg schön angelegt nochmals zünftig in die Höhe.

Auch auf dem GR 10 gehts rauf und runter…
…heute allerdings nicht so steinig
Auch andere Vögel sind hier unterwegs

Und plötzlich werden wir aus einem Seitental ins Haupttal gespült und ab sofort rauschen Fahrzeuge und der Bach um die Wette.

Zurück im Haupttal rauschen der Bach und die Autos um die Wette

Aber wir beissen dann schon noch, nicht nur auf unsere letzten Nüsse, denn anstatt des versprochenen Niederschlags zeigt sich die Sonne und es wird richtig heiss. Zum Glück gibts in Sia ein originelles Buvette mit den traditionellen Gâteaux chauds de Broche, eigentlich Tannenbäume aus Omlettenteig. Wir zuckern uns jedoch nur flüssig auf, sogar unser Jungfraujoch-Hämoglobin-Doping scheint heute nichts zu nützen.

Das Buvette und sein Wirt sind wirklich aus einer anderen Zeit
Jeden Nachmittag sitzt der Wirt am heissen Ofen und fertigt die warmen Kuchen in schweisstreibender Handarbeit an
Wegweiser nach Luz und nicht zum nächsten Kafi Luz oder sogar Zwischenluz

Um 16.14 setzen wir dann den Schlussschritt dieser Tour zurück unter vielen Menschen in Luz-Saint-Saveur, bei 29 Grad genau wie vor zwei Wochen beim Start in Hendaye. Auch der Temperaturregelkreis schliesst sich auf natürliche Weise.

In Luz ist Tourismus angesagt: Bungee-Jumping ab der Brücke Napoléon. Was würde der Namensgeber wohl denken?
Luz war dank den Thermalbädern mal ein Erholungsort für Wohlhabende
Auch der Blick auf den Pic du Midi mit der Forschungsstation erinnert uns recht deutlich daran, dass bald ein neuer Arbeitsblock ansteht
14. Etappe: Chalet Grange de Holle – Luz-Saint-Saveur

Auf der heutigen langen Etappe blieb viel Zeit, um die beiden vergangenen Wochen gedanklich Revue passieren zu lassen. Hier ein erstes Fazit zu unseren ungefilterten sentiments:

Die Wettermacher haben es über alles gesehen sehr gut mit uns gemeint. Im hügeligen Baskenland haben wir die Regentage eingezogen, anscheinend ist das auch normal bei den Basken, aber sobald die alpin-bergigen Etappen anstanden, wurde es einfach trocken und schön. So ein Glück und perfektes Zeitmanagement. Wir müssen uns glücklicherweise nicht alles verdienen, das wäre nämlich gar nicht möglich.

Im Baskenland haben wir die Regentage eingezogen
Auf den alpinen Etappen hatten wir perfekte Bedingungen

Der Weg hat nach der ersten hügeligen und feuchten Woche klar an Intensität und vor allem Freude gewonnen. Die Route auf dem HRP muss man sich selber zusammenstellen, allerdings führt er mehrheitlich auf gut ausgeschilderten und begangenen Wegen. Das kennen wir anders aus dem Balkan. Es gibt mehrere Führer zum HRP (in Englisch und Französisch).

Es hat unzählige GR‘s und Rundwege in den Pyrenäen, sie sind gut markiert und durch das regelmässige Begehen auch tip top unterhalten

Einsam ist man hier nicht wirklich, auch im September ist noch Juan und Amélie unterwegs. Tagsüber ist es noch ganz okey, aber die Hütten oder Etappenziele sind doch rechte Hotspots. Wer das nicht mag, muss azyklisch laufen und irgendwo das Biwak aufstellen. Das ist sehr gut möglich. Doch macht es auch Spass, die Erlebnisse am Weg mit neuen Bekanntschaften zu teilen.

Bei den Hütten und Etappenzielen sind oft richtige Menschenansammlungen, ob im Refuge oder auch mit Zelt
Wer lieber einsam ist, findet problemlos traumhafte Plätzchen für‘s Zelt

Wasser ist überhaupt kein Problem, sollte allerdings gefiltert oder mit Tabletten desinfiziert werden, da Tiere allgegenwärtig sind. Einkäufe sind nur sehr sporadisch möglich, doch während der Saison kommt man mindestens täglich an einem bewarteten Refuge vorbei mit Essensmöglichkeiten. Genügend Spaziermünz erleichtert dies erheblich, Kartenzahlung ist nur in wenigen Hütten möglich.

Wasser ist ausreichend vorhanden, sollte jedoch gefiltert oder mit Tabletten desinfiziert werden, da überall Tiere unterwegs sind
Bei den Refuges kann man sich auch mit Luxusgütern versorgen, meistens jedoch nur gegen Barzahlung

Der Internet-Empfang ist sehr reduziert, bis zu drei Tage ohne Lebenszeichen aus dem Universum sind völlig normal. Eine gute Tourenplanung ist deshalb zwingend nötig.

Der Empfang ist in weiten Teilen auf spirituelle Signale reduziert, eine gute Vorbereitung ist deshalb zwingend nötig

Hier noch ein paar Zahlen für die Analytiker unter euch:

Anzahl Wandertage: 13

Total gelaufene Kilometer: 323

Höhenmeter aufwärts: 15‘800

Anzahl Duschen: 5 + 1 Bachbad

Nächte im Zelt: 7

Regentage: 3

Höchsttemperatur: 36 Grad bei Ankunft in Hendaye

Praktizierte Sprachen: 4

Selbst gekochte Mahlzeiten: 3

Wir machen uns bald auf den Heimweg, in der Nacht ist das Wetter gekippt, Gewitter und Regen erleichtern uns die Abreise. Aber wir kommen wieder, ein tolles Weitwandererlebnis mit vielen Bildern im Herzen tragen wir in unseren Rucksäcken nach Hause, nebst dem urtypischen Weitwanderduft.

Macht‘s gut, packt euren Rucksack mit dem Nötigsten und lasst euch von der Natur zur Minimierung inspirieren. Wir brauchen viel weniger, als wir denken, um zufrieden zu sein und Mensch zu bleiben.

Zum Glück ist Glück nicht käuflich

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2 Kommentare

Reini · September 22, 2025 um 09:54

So ein langer, sehr interessanter Bericht. Idyllische Zeltplätzchen, Seen am LAUFmeter, so viele SPASSübergänge.

Danke vielmals und guten Start im Neuschnee auf dem Joch oben.

Von den Erlebnissen werdet Ihr noch lange zehren können.

Herzlich grüsst Euch

Reini

War am Triste ob Schofbode ob Wildhaus. Passte gerade für meinen weniger ambitionierten Bergdrang.

Trudi · September 21, 2025 um 19:20

Somit kann ich euch nur noch eine gute Heimreise wünschen und einen angenehmen und „fiten“ Start zu Hause. Die wunderbaren Bilder mit den dazugehörigen Kommentaren sind / waren sehr interessant. – Danke! Herzlichst Trudi

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