Bric Prato d‘Erma – kurz nach Santuario Vittoria
Zusammen mit den ersten Sonnenstrahlen holen uns unsere Wecker aus dem Schlaf, sogenanntes synchronaufwachen. Die zirpenden Grillen gönnen sich endlich eine Pause, sie haben ja auch die ganze Nacht durchgemacht, dafür gibt die Dorngrasmücke bereits pfeifend den Takt an und versucht, die Menschengeräusche von der industriellen Küste etwas zu verschönern.

Nach dem wunderschönen ersten Aufstieg durch den betörend duftenden Föhrenwald in einem Piemonteser Naturpark wechselt die Szenerie abrupt und wir wandern lange auf Kiessträsschen, immerhin mit toller Rundumsicht. Zwar kommen wir so zügig voran doch die Endorphine verfallen kurzfristig in Winterschlaf. Doch es ändert dann auch bald wieder und es wird ein abwechslungsreicher Tag, in vielerlei Hinsicht.

Bestimmt wurde hier früher auch Alpwirtschaft betrieben, doch die Region überwuchert immer mehr und einige Wege sind jetzt schon nicht mehr begehbar. Ob dies auch mit dem Klimawandel zu tun hat? Weniger Wasser, höhere Temperaturen? Oder sich die Handarbeit einfach nicht mehr lohnt? Vielleicht etwas von beidem. Trotzdem schade, auch ums Vitello tonnato.

Heute ist Pfingstsamstag und so sind wir auch nicht mehr ganz einsam unterwegs. Im Gebiet der Passstrassen läuft einiges, allerdings nicht nur auf Füssen.
Wir tragen auf dieser Tour möglichst wenig Wasser um das Gewicht tief zu halten. Dies bedingt allerdings, dass wir die vor uns liegende Route nach möglichen Wasserquellen auf dem App absuchen. Bis jetzt hat das gut funktioniert, aber es ist ja auch noch früh im Jahr und die letzten Wochen waren niederschlagsreich.

Und dann plötzlich, fast wie eine Erscheinung, steht da im Irgendwo ein Imbisswagen mit allerlei verführerischen Delikatessen. Das gibt definitiv keine Diskussion und wir gönnen uns etwas. Der weisshaarige Pensionär ist für uns wie ein Engel, an den Wochenenden bewirtet er hier durstige und hungrige Wanderer.


Es wird richtig warm heute, das getrunkene Wasser versickert gefühlt irgendwo im Körper oder verdampft fortlaufend. Die nächsten Tage wirds ähnlich sein. Dennoch bleiben wir hartnäckig und wandern Schritt für Schritt weiter.




Am Passo della Bocchetta fragen wir uns schon, ob wir nicht auch lieber den Italienischen Lebensstil imitieren sollten: mit einem Fahrzeug auf den Pass fahren, Picknicken, Hund pinkeln lassen, auf einer Decke die Beine strecken, italienische Canzoni hören und dann wieder nach Hause reisen. Aber nein, das wäre uns bereits nach einer halben Stunde zu langweilig. Deshalb: weiter gehts!
Wir wollen rechtzeitig am nächsten Pass sein, dem Passo dei Giovi, denn dort soll es ein Pub mit Mahlzeiten geben, Feierabend erst um 20 Uhr. Wir rennen immer noch den italienischen Speisen hinterher, unsere Naturaplanteigwaren in Knorrsuppe schneiden im Vergleich eher schlecht ab. Doch der Hausdrache des leergefegten Tana dell‘Orso freut sich nicht sonderlich über uns, die Küche ist bereits seit vierzehn Uhr geschlossen. So schenken wir unserem Flüssigkeitshaushalt Aufmerksamkeit und trotten nach erfolgter Abkühlung etwas enttäuscht weiter. Der Engel vom Mittag schwebt jedoch noch über uns.
Es folgt nun nochmals ein Aufstieg, beim Santuario füllen wir heute zum 4. Mal unsere Wasserflaschen. Es ist unglaublich durstiges Wetter. Die Gottesdienstbesucher machen sich gerade auf den Heimweg und wir auf die Suche nach dem perfekten Schlafplatz.


Tatsächlich werden wir bald fündig, knabbern noch etwas Käse und Cracker und entscheiden uns, wieder einmal nur mit dem Innenzelt zu schlafen. Eine nächtliche Abkühlung tut uns bestimmt gut. Aber zuerst bestaunen wir noch den Sonnenuntergang.


Fazit des Tages: Keiner zu klein, ein Drache zu sein

Kurz nach Santuario Vittoria – Passo della Scoffera
Ein wunderschönes Aufwachen mit dezentem Waldsound und dem natürlichen Tageslicht erleichtern den Sprung aus dem kuscheligen Schlafsack. Wir verlassen diesen tollen Übernachtungsplatz wieder mit spritzigen Beinen und freuen uns über einen weiteren sonnigen Tag, zumindest jetzt noch.

Nach drei Kilometern erreichen wir bereits Orero, immerhin ist die Wasserbar geöffnet und eine kleine Katzenwäsche liegt drin.

Für heute ist unser Ziel klar: wir wollen zum Passo della Scoffera, denn dort haben wir für heute Nacht ein B&B reserviert. Ein bisschen Seife am Körper und Wäsche mit neuem Duft ist kein Luxus mehr, zumal ja heute Sonntag ist.


Ein erster Anstieg durch den Wald und bald schon sind wir wieder hoch über dem Tal. Wenn es bei jeder Kapelle auch ein offenes Rifugio gäbe, wäre die Alta Via auch ein bisschen wie die GTA.

Beim Colle di Creto sind wir dem Mittelmeer wieder viel näher, Genua haben wir nun grossräumig umwandert.

Dir Orte an der Alta Via sind teilweise schon noch bewohnt, aber öffentliche Häuser gibt es kaum. Viele Anwesen sind komplett umgittert, mit einem Schild ‚attenti al cane‘ versehen, welcher auch wie ein Irrer vor dem Gitter hin und her rennt und sich die Zunge aus dem Leibe bellt. Vielleicht übernehmen bald die Hunde das Zepter in Italien, so ein bisschen wie bei Orwells ‚Farm der Tiere‘, dann könnten sie die Menschen dazu zwingen, die Hundekacke aufzuheben, welche überall an den Strassen liegt…

Es wird ein zäher Tag, die Temperaturen steigen unerbärmlich an. Wir schwitzen unglaublich, fühlen uns wie Feuersprenkler während einem Notfall. Zum Glück ziehen am Nachmittag ein paar scheue Wolken vorüber und spenden immerhin ein bisschen Schatten.



Der Übergang vom Colle di Creto zum Passo della Scoffera ist wunderschön, teilweise recht alpin obwohl nur auf etwa 1000 MüM gelegen. Gewisse Abschnitte sind jedoch etwas überwuchert und auch entsprechend einsam.

Mit dem letzten Schluck Wasser erreichen wir um 16 Uhr unser Tagesziel. Und dann gibts zuerst eine Dusche, Handwäsche und die tägliche Zecken-Ableseaktion, so 10 – 20 Stück sind das schon pro Tag.
Aber nachher feiern wir auch einmal ‚frei‘ und lassen es uns in der sehr authentischen Osteria an Pfingsten einfach rundum gut gehen. Der originelle ‚capo‘ mit einem Touch ‚Robert de Niro‘ stellt am Schluss mehrere Schnapsflaschen auf den Tisch und probiert dann gleich selber mit uns. Salute! Das Lokal erhält von uns das Prädikat G&G, nicht für Glanz und Gloria sondern für gut und günstig.


Fazit des Tages: ist der Tag schwül und heiss, so baden wir im eigenen Schweiss

Passo della Scoffera – Monte Ramaceto
Es wird spät mit Losmarschieren heute, prima colazione und Shopping brauchen Zeit. Aber alle unsere Akkus sind auf 100 % aufgeladen, ausser unsere Body Battery bräuchte eine längere Ladung, dies meint auf alle Fälle Sonjas Garmin.


Auch der Kuckuck grüsst täglich, nicht nur das Murmeltier. Tatsächlich sehen wir gewisse Parallelen zum Film, auch wir starten irgendwie jeden Tag wieder gleich. Heute logischerweise mit einem Aufstieg beim Start auf einem Autopass. In der Schweiz sind die Kuckucks in den letzten Jahren deutlich weniger geworden, es fehlt ihnen zunehmend den passenden Lebensraum.

Bald kreuzen wir einen ersten Rucksackwanderer, er ist gerade daran, lamentierend seine Beine von Zecken zu befreien. Das Gesprächsthema ist gegeben, die Alta Via könnte auch zur ‚Via delle zecche‘ umbenannt werden. Einladender Themenweg, Pinzette nicht vergessen!


Noch vor dem Mittag überqueren wir die Halbwegslinie dieser Wanderung, eigentlich die Halbwertszeit beim Wandern. Noch 128 km fehlen bis Ceparana.

Das Wanderspiel mit den unterschiedlichen Temperaturen wiederholt sich auch heute: kaum tauchen wir vom offenen Gelände in den wunderschönen Wald, fühlt es sich an, wie wenn wir aus der Sommerhitze einen klimatisierten Raum betreten. Funktioniert aber auch auf umgekehrte Weise. So fühlen wir uns unter der prallen Sonne wie in einem Escape Room, möglichst rasch den Ausgang finden und die Atmosphäre des Waldes mit kühlem Kopf wirken lassen.


Barbagelata verlassen wir wieder ohne ein Gelato, immerhin mit gefüllten Wasserflaschen. Bis Morgen werden wir keine Quellen mehr antreffen. Das Thema Wasser wird uns auf den nächsten Etappen mehr beschäftigen und auch das Rucksackgewicht erhöhen.


Den Passübergang am Bach mit Picknickbänken und Aussichtspunkt nutzen auch motorisierte Reisende als Pausenort. Eigentlich möchte Sonja etwas am Blog arbeiten, doch die Einheimischen wollen lieber mit uns plaudern. Ein älterer Herr im Alpöhi-Stil kann es fast nicht glauben, dass sich auf der Alta Via niemanden finden lässt, der uns beherbergen und bekochen würde.

Wir kommen heute deutlich besser durch die Kilometer als gestern, wieso ist uns nicht klar. Vielleicht weil wir kein vordefiniertes Tagesziel vor Augen haben sondern einfach nur ‚weit‘ wollen. Die Höhenmeter läppern sich mehrheitlich auf unscheinbare Weise zusammen, aber auch zähe Anstiege sind dabei. Vor allem am Nachmittag an der prallen Sonne offene Südhänge hochsteigen, ist nicht sehr beliebt bei uns.

Wir passieren auch immer wieder Abschnitte mit recht abschüssigen Hängen, ein Fehltritt und es wäre wohl der letzte gewesen und die angeklebten Holzböcke wären auch nicht mehr lästig.


Das Nachtessen fällt heute kalt aus, 1 Liter Wasser um Pasta zu kochen haben wir nicht mitgetragen.

Nach dem kalten Plättli steigen wir bei schon deutlich kühleren Temperaturen nochmals hoch. Wer am Morgen trödelt muss abends länger durchhalten. So wird es halb neun bis wir uns für die Nacht einen Platz suchen.




Die Touren fordern uns doch ziemlich heraus obwohl wir uns nicht als ‚Wander-Greenhörner‘ betrachten. Bestimmt spielt die Hitze auch eine Rolle, vor einer Woche haben wir auf dem Joch bei – 15 Grad noch Schnee geschaufelt. Aber wir suchen bewusst unsere Grenzen und ihr müsst also kein Mitleid haben mit uns 🙂
Fazit des Tages: Auf diesen einsamen Wegen, sind wir für die Zecken ein Segen und hängen sie dann in der Haut ist die Laune bald versaut

Monte Ramaceto – Passo del Bocco (Giaiette)
Einschlafen dauerte, ein Reh hält uns mit seinem unermüdlichen Gebell wach und der Mond hat das Zelt in einen Lichttherapieraum verwanderlt.

Aber plötzlich ist doch Morgen und zeitgleich mit den ersten Sonnenstrahlen sind wir kurz nach 6 Uhr bereits wieder auf der Via unterwegs. Heute wieder mit einem Ziel: wir wollen zum 30 km entfernten Passo del Bocco marschieren, dort soll es ein hoffentlich geöffnetes Restaurant geben. Vielleicht sind ja sogar hungrige Gäste willkommen!

Bereits vor dem ersten Taleinschnitt finden wir Wasser, es wird ein guter Tag!
Mit einem Blick zurück zu unserem Schlaf-Monte gehts heute zum höchsten Punkt der Alta Via seit Altare. Mit dem Glockengeläut einer Kapelle nehmen wir den nöchsten Übergang unter die Füsse.

Wir kämpfen uns durchs Dickicht, Ginster geht ja noch, aber die Rosensträucher hinterlassen abstrakte Kunstwerke auf unserer Haut. Immerhin lenkt uns der wohlduftende Goldregen immer wieder von unserer eigenen Ausdünstung ab. Durch diese Fluchmeter müssen wir uns einfach durchkämpfen.


Zum Glück wird der langgezogene Aufstieg dann sehr versöhnlich, die Wege sind wieder begehbar ohne Kratzspuren zu hinterlassen und die Steigung ist angenehm durch den Wald angelegt. Einer dieser tollen Buchenwälder wie es sie bei uns kaum mehr gibt, wir tauchen jeweils komplett ein und fühlen uns wohlig umhüllt.


Wir wundern uns über die vielen Pferdeäpfel und Hufspuren am Weg: da haben wir die Lösung, hier leben wilde Pferde!



Am Passo della Spingarda rufen wir im Rifugio auf dem Passo del Bocco an um uns für heute Abend anzumelden. Doch das Rifugio ist natürlich geschlossen. Doch etwa 1 1/2 km ausserhalb gibts das Green Natura River & Relax und die haben alles was wir brauchen. Also haben wir ein neues Ziel.




Fazit des Tages: Liegst du wach im hellen Zelt, und dazu ein Reh laut bellt. Doch bald schon geht die Sonne auf und mit ihr auch unser Lauf. Dann gibt es wieder viele Schritte mit ner Zecke an der … Kniekehle zum Beispiel

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1 Kommentar
Pia · Mai 27, 2026 um 09:17
Danke für’s Teilhaben lassen an euren Erlebnissen. Macht Fernweh! Herzlich, Pia